Die Trainingsbranche nach Corona. 15 Thesen für die Zukunft

Dass die Weiterbildungsbranche durch die Corona-Pandemie einen Digitalisierungsschub erhalten hat, ist unbestritten. Doch auf welche Veränderungen müssen sich Trainerinnen, Berater und Coachs sonst noch einstellen? 15 Thesen zu Geschäftsmodellen, Jobprofilen und neuen Playern.

Lernen war und ist die entscheidende Zukunftskompetenz, was sich auch gerade in der Corona-Krise einmal mehr zeigt. Nicht nur die Weiterbildungsbranche, sondern die gesamte Wirtschaft hat innerhalb kurzer Zeit einen riesigen Schub in Sachen Digitalisierung gemacht – eine Umstellung, die unter normalen Bedingungen wohl noch Jahre gedauert hätte. Was wir alle in wenigen Wochen und Monaten gelernt haben, ist beeindruckend und wird die Welt, das Land, die Unternehmen und natürlich auch unsere Branche auch in Zukunft noch prägen – selbst wenn die Pandemie längst Geschichte sein wird.

Doch wie wird sich die Weiterbildung durch Corona verändern? Dazu hat Albrecht Kresse 15 Thesen entwickelt:

Präsenztrainings müssen sich lohnen

Natürlich wird es auch nach der Corona-Krise weiter Präsenztrainings geben, aber aus meiner Sicht deutlich weniger. Denn wer einmal ein gutes Live-Online-Training absolviert, stellt fest: Das können wir auch in Zukunft beibehalten. Die  Präsenztrainings, die es noch geben wird, müssen sich dann wirklich lohnen. Veranstaltungen, zu denen Menschen von weither anreisen und teure Übernachtungen buchen, nur um dann am nächsten Tag von einem Experten frontal, vielleicht sogar mit Powerpoint-Folien gestützt, seine Sichtweise der Welt erklärt zu bekommen, machen ohnehin nur wenig Sinn. Nach Corona werden sie aber überhaupt keine Berechtigung mehr haben.

Präsenz wird zum Event

Präsenzmeetings und -trainings sind durch Corona in der Kommunikationskaskade deutlich wertvoller geworden. Aktuell reicht es vielleicht noch, überhaupt ein Präsenzformat durchzuführen – und alle sind glücklich, sich endlich wieder in der realen Welt zu begegnen. Das wird aber nicht so bleiben. Ein Präsenzmeeting ist deutlich teurer und aufwendiger als ein Online-Meeting, und dieser Aufwand muss gerechtfertigt sein. In der Weiterbildung wird sich also wiederholen, was sich schon seit Jahren in der Kommunikationsbranche zeigt: weniger Live-Events, aber die müssen dann einen wirklichen Unterschied ausmachen. Seminare, Trainings, Workshops, Tagungen und Kongresse werden also stärker eventisiert werden, was es für Einzeltrainerinnen und -berater schwieriger macht.

Seminarraum

Live meint nicht allein Präsenz

Corona hat die Wahrnehmung von dem, was ein Live-Termin ist, verändert. Ein Online-Treffen in Teams ist ein Live-Termin, und ein Training über vier Stunden, das online stattfindet, ist ein Live-Training. Live-Online oder Live-Präsenz wird daher eine Differenzierung sein, die auch nach Corona bleibt. Wie nennen wir es, wenn wir sagen: Wir treffen uns? Aktuell ist damit meistens ein Online-Meeting gemeint.
Wir suchen momentan noch nach den richtigen Begriffen. „Treffen wir uns echt?“, fragen wir manchmal, wenn wir ein Präsenzmeeting meinen. Klar ist: Live bedeutet nicht automatisch, dass wir uns in der physischen Welt begegnen.

Online-Formate müssen differenziert werden

Vor Corona war der Begriff Live-Online-Training kaum bekannt. Das am meisten gebrauchte Live-Online-Format waren Webinare. Inzwischen gibt es eine stärkere Differenzierung zwischen einem Online-Vortrag (Webtalk), einem Webinar, in dem ebenfalls eher präsentiert wird mit einer anschließenden Q&A-Session und vielleicht zwischendurch ein paar Befragungen und einem echten Live-Online-Training, das interaktiv ist und eine viel größere technische und didaktische Kompetenz erfordert.

Die Kombination dieser unterschiedlichen Formate mit Selbstlerninhalten in Form von PDFs, Befragungen, E-Learnings ist dann ein Online-Kurs. Diese Differenzierung gilt es den Unternehmen als Auftraggeber klar zu vermitteln. Hier braucht die Branche neue Standards, Begrifflichkeiten und auch Preismodelle, die die Differenzierung widerspiegeln.

Digitale Fitness

Ohne digitale Kompetenzen geht nichts mehr

Virtuelle Zusammenarbeit erfordert neue Kompetenzen, sowohl bei den Mitarbeitenden als auch bei den Führungskräften. Angebote zum Thema Virtual bzw. Remote Leadership gewinnen an Bedeutung, genauso wie die Themen Online-Meetings, -Präsentationen und -Workshops. Doch nicht nur die Mitarbeitenden und Führungskräfte unserer Kunden brauchen neue Kompetenzen. Das Gleiche gilt für Trainerinnen, Berater und Coachs. Hierzu werden gerade vielfältige neue Angebote entwickelt. Wer etwa Führung, Kommunikation oder Sales trainiert, muss auch versiert sein in der Nutzung von neuen Tools für die Kommunikation in den Unternehmen. Dies ist Herausforderung und Chance zugleich. In den neuen gefragten Kompetenzen kann nur trainieren und helfen, wer hier selbst geübter Anwender ist. Weiterbildungsprofis ohne digitale Kompetenz können in Zukunft nur in Nischen überleben.

Weiterbildung wird von Technologie getrieben

Die gesamte Weiterbildung wird immer stärker von Technologie getrieben. Das Wissen über unterschiedliche Plattformen für das digitale Lernen wird immer wichtiger. Akteure im Weiterbildungsmarkt müssen sich immer mehr mit technologischen Standards und Anwendungen auseinandersetzen. Tools und  Bandbreite sind wichtige Faktoren, die auch bei der Planung und Durchführung von Trainingsmaßnahmen eine immer größere Rolle spielen. Trainer, Beraterinnen und Coachs müssen sich auf immer neue Plattformen und Lösungen, die beim jeweiligen
Kunden eingesetzt werden, einstellen und diese nutzen können.

Blended Learning wird zum Standard

Blended Learning war in den vergangenen Jahren Trumpf und wird meiner Meinung nach zukünftig zum Standard werden. Wer hier bereits vor Corona vernünftige Angebote hatte, ist jetzt klar im Vorteil. Wer hingegen bisher noch keine Blended-Learning-Strategie hat, der braucht sie jetzt und ist wahrscheinlich gerade dabei, digitale Angebote zu entwickeln, sie auszubauen oder bereits bestehende zu optimieren und besser einzubinden.

Blended Learning

Der Trend zum Blended Learning wird sich nicht abschwächen – im Gegenteil. Klar ist aber auch, dass die Ansprüche daran steigen. Denn die Wahrnehmung, was gute oder schlechte Lernangebote – gerade auch im Online-Bereich – sind, entwickelt sich stetig. Die Nutzer werden sensibler, sie können mittlerweile Settings und Tools miteinander vergleichen, weil sie beruflich und privat immer mehr Erfahrungen damit machen. Mit einem höheren digitalen Reifegrad eines Unternehmens steigen die Erwartungen an E-Learning und Blended Learning deutlich. Hässliche, komplizierte, didaktisch minderwertige Angebote werden zwar durch Corona nicht vollständig verschwinden, aber auf deutlich geringere Akzeptanz stoßen.

Selbstlernen wird immer wichtiger

Der mündige und motivierte Selbstlerner ist das Ideal vieler Unternehmen. In der Vergangenheit hat das nicht so richtig geklappt, denn viele Firmen haben durch ihre Personalentwicklung die Mitarbeitenden gerade zum Gegenteil erzogen: Jeder sollte nur das lernen, was für seine Kompetenz notwendig ist. Dafür bekam er ein maßgeschneidertes Angebot.

Corona hat die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden gerade auch beim Thema „Neue Kompetenzen erwerben“ gestärkt. Immer mehr Unternehmen schaffen ihren Mitarbeitern Zugang zu Online-Plattformen, auf denen sie nach ihrem individuellem Bedarf Angebote abrufen können. Dieser Trend wird weiter zunehmen.

Jobprofile in PE und Learning & Development verändern sich radikal

Die Personalentwicklung und auch andere Bereiche, die Trainings und Coaching einkaufen, sind bislang meist eher wenig innovativ und digital eher inkompetent. Das ändert sich gerade – und Corona bestärkt das. Die Einführung von einem Tool wie Microsoft Teams etwa erfordert IT-Kompetenz. Hier kommt es zu einem vollkommen neuen Anforderungsprofil für die betreffenden Abteilungen und die Mitarbeitenden. Digital Learning Growth Hacker etwa ist inzwischen eine Job-Beschreibung in der HR.

Die Trainingsbranche wird disruptiert

Corona trägt zur Disruption der gesamten Trainingsbranche und bewährter Geschäftsmodelle bei. Neue Plattformen wie Greator (früher GedankenTanken) oder Coachhub erhalten viel Geld von Investoren und greifen die klassischen Trainingsangebote an. Weiterbildungsdatenbanken wie Semigator waren vor zehn Jahren noch Randerscheinungen, treffen heute aber den Nerv der Zeit. Microsoft wird immer mehr zum Lernunternehmen und baut aus Linkedin, Linkedin Learning und Slideshare ein eigenes Ökosystem rund um das Thema Kompetenzentwicklung.

Und das ist erst der Anfang: Kunden fragen zunehmend nach „Playlists“ von E-Learnings und Online-Kursen von Linkedin Learning und Udemy als Ergänzung zu eingekauften Präsenztrainings. Spezifische E-Learnings der eingekauften Trainerin wollen sie oft gar nicht haben. Für die einkaufenden Unternehmen ist das Angebot auf solchen Online-Plattformen oft transparenter, für Einzeltrainerinnen und -berater wird es aber immer schwerer, sich am Markt zu behaupten. Dafür gibt es einige Gründe:

  • Die Auftraggeber betrachten Weiterbildung immer mehr als Ware, als Erzeugnis. Daher sinkt ihre Bereitschaft, hohe Preise dafür zu zahlen.
  • Im Online-Bereich sind Kompetenzen im Handling und der Steuerung von Gruppen weniger relevant.
  • Der Expertenstatus, den sich viele Beraterinnen und Trainer mühsam aufgebaut haben, hat online einen ganz anderen Stellenwert. Hier können über Nacht selbsternannte Experten auftauchen, die keinen echten Expertenstatus haben. Die Kunden stört das oft aber nicht.
  • Blended-Learning-Angebote verlangen teils nach Lösungen, die der einzelne Trainer nicht mehr liefern kann.
Online-Training

Das Geschäft wird fragmentiert

Online-Formate sind kürzer als Präsenzformate. Ein Zwei-Tages-Präsenztraining wird etwa nicht einfach in zwei aufeinanderfolgende Live-Online-Trainingstage überführt, sondern auf vier Termine à vier Stunden an mehreren Tagen verteilt.

Auch Beratungsmandate werden gesplittet, ein Tag Beratung z.B. auf vier Meetings à zwei Stunden. Das ist zwar meist sinnvoll, macht die Arbeit als Trainerin oder Berater aber deutlich komplexer.

Die einzelnen Arbeitstage werden so in unterschiedliche Termine von unterschiedlichen Projekten aufgeteilt, teilweise hat man vier Termine zu vier verschiedenen Kundenprojekten an einem Tag. Jedes Mal erwartet der Kunde, dass man gut vorbereitet ist. Außerdem wird es schwerer, die Umsätze der Vergangenheit zu erzielen, wenn Trainings auf immer mehr Tage verteilt werden.

Live Online Training

Neue Geschäftsmodelle sind nötig

Die Trainingsbranche kommt nicht umhin, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Bisher haben wir mit Kundinnen feste Tagessätze vereinbart, plötzlich wird dieser Trainingstag aber gesplittet. Außerdem brauchen wir zusätzlichen Support für einen technischen Moderator, der bislang nicht Bestandteil unserer Rahmenverträge ist. Gleichzeitig gewöhnen sich unsere Kunden und Teilnehmenden daran, Online-Inhalte oft kostenlos zu konsumieren. Das Denken in Trainingstagen gehört der Vergangenheit an. Hier sind komplett neue Modelle gefragt.

Die Trainingsbranche wird internationaler

Corona befördert die Internationalisierung unserer Branche. Viele Mitarbeitende suchen in der Corona-Zeit selbst im Netz nach passenden Lernangeboten und landen dabei schnell auf internationalen Seiten wie TED oder großen MOOC-Plattformen wie Coursera. Kein Wunder, denn große E-Learning-Plattformen aus Deutschland gibt es bislang nicht. Außerdem werden automatische Übersetzungen durch Google oder ähnliche Anbieter immer besser, und die Scheu, englischsprachige Weiterbildungen zu nutzen, sinkt. Wer nur auf Deutsch arbeitet, hat bei international tätigen Unternehmen kaum noch eine Chance als Trainer.

Große Player gewinnen

In Deutschland ist bei offenen Trainings Haufe der Platzhirsch. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V. (DGFP) hat ihr eigenes Angebot eingestellt und ist unter das Dach von Haufe geschlüpft. Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren viel Geld in die Entwicklung eigener Lösungen im Bereich E-Learning und Social Learning investiert und wird entsprechend auch zukünftig weiter wachsen. Haufe arbeitet viel für den Mittelstand. Das bedroht insbesondere Einzeltrainerinnen und -berater, die dieses Segment bedienen.

In Zukunft werden immer mehr KMU und größere Mittelständler mit einem Komplettanbieter wie Haufe zusammenarbeiten wollen. Und durch Corona sind auch noch mehr Trainer und Beraterinnen als zuvor bereit, sich auf eine Kooperation mit einem solch großen Player einzulassen – meist allerdings zu niedrigen Honoraren. Einzelanbieter sind durch die Krise geschwächt und haben kaum die Ressourcen, bei ausbleibenden Einnahmen im Kerngeschäft Präsenztraining in neue digitale Lösungen zu investieren. Das alles nutzt den großen Playern.

Virtual Sales

Generationenwechsel in der Branche wird beschleunigt

Viele Einzeltrainerinnen und -berater sind „Digital Immigrants“ (im Gegensatz zu den Digital Natives, die mit der modernen Informationstechnologie aufgewachsen sind). Ihnen wird es nur schwer gelingen, glaubwürdig auf das neue Digitalgeschäft umzusatteln.

Für das Thema „Agilität und Digital Sales“ z.B. kauft ein Unternehmen eher einen Trainer ein, der auch altersmäßig zum Thema und der Zielgruppe passt. Noch wichtiger: Vielen Digital Immigrants fällt es deutlich schwerer, die neuen digitalen Geschäftsmodelle zu verstehen und sich daran anzupassen. Wer über 50 ist, braucht zukünftig eine gute Nischenstrategie im Weiterbildungsmarkt.

Auf Auftraggeberseite wird bei Großunternehmen im Zuge der Corona-Krise viel Personal abgebaut werden. Das bedeutet, die alten Ansprechpartner aus der Gruppe 50+ verschwinden früher als gedacht. Und die jungen Entscheider arbeiten häufig lieber mit gleichaltrigen Trainern und Beraterinnen zusammen als mit ergrauten Experten, die sie an ihre eigenen Eltern erinnern. Wer über 50 ist, braucht daher zukünftig eine gute Nischenstrategie im Weiterbildungsmarkt.


Live Goes Online – Meetings, Präsentationen, Seminare online erfolgreich durchführen

Live Goes Online

Live Goes Online: Wer bei diesem Titel denkt, da ist doch das V falsch und müsse durch ein F ersetzt werden, liegt gar nicht so falsch, denn letztlich ist auch unser ganzes Leben dabei, online stattfinden. Bei Live Goes Online geht es um die Live-Kommunikation in Gesprächen, Meetings, Präsentationen, Konferenzen, die anfangs durch Corona bedingt, aber inzwischen auch aus praktischen Erwägungen immer mehr online stattfindet.

Albrecht Kresse und Jannis Herzog haben ihre Erfahrungen aus den letzten sechs Monaten in einem Praxisratgeber zusammengefasst, der uns allen zeigt, wie Live-Online-Kommunikation funktioniert.

  • Wie stelle ich mich selbst professionell online dar?
  • Wie funktionieren gute Live-Online-Meetings, egal welches Tool ich gerade nutze?
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  • Wie präsentiere ich meine Inhalte in Online-Meetings professionell, überzeugend und auch technisch einwandfrei?
  • Und wie verändert sich unsere Arbeitswelt durch die Verlagerung von Telefonaten und persönlichen Vor-Ort-Gesprächen, Meetings in den virtuellen Raum?

Darum geht es im Buch „Live Goes Online“, das sich an alle richtet, die sich spätestens seit März 2020 beruflich immer häufiger oder sogar täglich in der Live-Online-Kommunikationswelt bewegen.


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