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EuGH-Urteil zur Arbeitszeiterfassung: Wie agil ist der 8-Stunden-Tag?

Am Dienstag hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass Arbeitgeber fortan die täglich geleistete Arbeitszeit aller Beschäftigten erfassen müssen. Das Ziel des Urteils ist die Einhaltung des in der EU-Grundrechtecharta verankerten Arbeitsrechts, wonach jeder Arbeitnehmerin und jedem Arbeitnehmer das Recht auf eine Begrenzung der Höchstarbeitszeit, auf tägliche und wöchentliche Ruhezeiten sowie auf bezahlten Jahresurlaub eingeräumt wird.

Die Gewerkschaften begrüßen das EuGH-Urteil „als klare Schutzmaßnahme“, da die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeiterfassung den Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen die Durchsetzung ihrer Interessen und Rechte erleichtere. Laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) sind im Jahr 2018 zwei Milliarden Überstunden angefallen, die Hälfte davon unbezahlt.

Arbeitgeberverbände befürchten hingegen das Wiedererstarken der fast schon überwunden geglaubten „Stechuhren-Mentalität“, bei der Beschäftigte pünktlich um 18 Uhr den Stift fallen lassen bzw. den Computer herunterfahren.

Zeiterfassung

Die moderne Arbeitswelt

In der modernen Arbeitswelt herrsche das Prinzip der Vertrauensarbeitszeit, wonach nicht die zeitliche Präsenz des Arbeitnehmers im Vordergrund steht, sondern die Erledigung vereinbarter Aufgaben.

Wenn eine Milliarde Überstunden unbezahlt bleiben und immer mehr Menschen vor dem Burnout stehen, weil sie ständig erreichbar sein müssen/wollen, ist das ohne Frage ein gesellschaftliches Problem. Der 8-Stunden-Tag ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die über Jahrzehnte erkämpft wurde. Die Frage ist nur, wie viel Kampf in der modernen Arbeitswelt überhaupt noch gebraucht wird. Ist ein staatlich verordneter Prozess die beste Antwort? Wie sehen Lösungen in agilen Organisationskulturen aus?

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Arbeitszeiterfassung in agilen Teams?

Agile Teams (zirka 5-8 Mitglieder) planen ihr Arbeitspensum selbst. Aus eigenem Interesse und dem des Unternehmens sind sie verantwortlich, sich vor Fremd- bzw. Selbstausbeutung zu schützen. Aus Sicht traditioneller Klassenkämpfer mag sich das naiv anhören. Tatsächlich bietet agiles Arbeiten aber Denkansätze und Praktiken wirtschaftliches Handeln jenseits der Stechuhr zu begreifen.

Agile Teams sind selbstorganisierte Teams von Wissensarbeitern. Sie agieren in einem komplexen und dynamischen Umfeld und sind bestrebt in kurzer Zeit etwas Nützliches für den Kunden zu entwickeln. Dabei kann eine geniale Idee unter der privaten Dusche viel mehr Wert für den Kunden haben, als tausende Stunden im Büro.

Velocity

Velocity

Im Hinblick auf die Planbarkeit der Produkte und Projekte ist für agile Teams vor allem eines entscheidend: Die so genannte Velocity. Die Velocity beschreibt eine messbare Geschwindigkeit, in der agile Teams verlässlich Kundennutzen stiften. Es obliegt dem Team, vor jeder Iteration zu schätzen, wie viele Aufgaben (User Stories) es beispielsweise in einem Zwei-Wochen-Sprint erfüllen kann. Die meisten Teams verzichten dabei bewusst auf das Schätzen in absoluten Zahlen, wie Tagen oder Stunden. Menschen schätzen besser relativ als absolut. Zum Beispiel fällt es Menschen beim Blick in den Himmel leicht zu bestimmen, ob ein Vogel tiefer fliegt als der andere. Die genaue Entfernung in Metern ist hingegen weitaus schwieriger einzuschätzen.

Story Points

Um Aufwände bei sich oft verändernden Anforderungen und Aufgaben schätzen zu können, bedienen sich agile Teams zum Beispiel der Story Points. Geschätzt wird hier einzig und allein die Komplexität der Aufgaben, in dem durch die Vergabe von Punkten eine User Story (z.B. 8 Story Points) mit einer anderen User Story (z.B. 2 Story Points) in Relation gesetzt wird. Über die Zeit stellt sich eine gewisse Tendenz ein, dass ein Team beispielsweise zwischen 20 und 40 Story Points je Iteration umsetzt. Was ist gewonnen? Produktivität ist iterativ und selbstorganisiert planbar.

Und was ist mit Selbstausbeutung bzw. Druck von Investoren oder Geschäftsführern? Wenn Mitarbeiter wegen Burnout ausfallen, beeinflusst das die Velocity. Ziel ist die konstante Auslieferung von Nutzen. Das Einplanen von Erholungsphasen obliegt damit dem selbstorganisierten Team. Es gibt immer mehr Führungskräfte, die das verstehen.

Zusammengefasst

Daher bleibt es umso spannender, was dieses Urteil nun mit den Arbeitnehmern und vor allem den Arbeitgebern macht. Und wie es sich auf die Arbeit auswirkt. Aber wahrscheinlich hat die digitale Arbeitswelt auch darauf eine Antwort: Statt Stechuhren gibt es eben zukünftig Apps auf Smartphones, die die Arbeitszeit erfassen.

 


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